Gemeinwohl-Ökonomie
Als Gemeinwohl-Ökonomie wird das Konzept der Ausrichtung der Wirtschaft am Gemeinwohl bezeichnet. Dieses Konzept ist nicht nur gut für eine nachhaltig und sozial funktionierendes Wirtschaftssystem, sondern ein definiertes Verfassungsziel. Im deutschen Grundgesetz ist festgehalten: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. [1]
Unternehmen sind also theoretisch bereits dazu verpflichtet, die Allgemeinheit mitzudenken in ihrem Wirken bzw. in ihrer Auswirkung auf die Gesellschaft und vor allem das direkte Umfeld. Jedoch funktioniert unser Wirtschaftssystem allgemein Profit-orientiert.
Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) bietet hier ein alternatives Wirtschaftskonzept zum herkömmlichen und gelernten Kapitalismus. Sie ist zwar eine Marktwirtschaft mit privaten Unternehmen und freien Märkten, legt jedoch den Fokus auf Kooperation anstatt Konkurrenz. Das übergestellte Ziel ist nicht mehr die Mehrung des Gewinns, sondern die Ermöglichung eines guten Lebens für alle. Somit steht hier das soziale und nachhaltige Denken und Handeln im Vordergrund, um eine ethische Marktwirtschaft zu ermöglichen. [2]
2010 wurde der Begriff der Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber und seinem gleichnamigen Buch geprägt. Aus dieser Denkschule heraus haben er und seine Mitstreiter*innen folgende Werte definiert:
01 Menschenwürde 02 Solidarität 03 Gerechtigkeit 04 ökologische Nachhaltigkeit 05 demokratische Mitentscheidung
Der Begriff Gemeinwohl teilt sich hierbei in zwei wesentlich Bereiche: den Verfassungen demokratischer Staaten sowie zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Bewegung fordert „die Wirtschaftsordnung als auch rechtlichen Marktgesetze mit den Beziehungs- und Verfassungswerten der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen.“ [3]
Um nach diesem Verfahren als Unternehmen arbeiten zu können, gilt es zunächst einmal eine Gemeinwohl-Bilanz des Unternehmens herauszustellen, um Punkte zu finden, an und mit denen eine Ausrichtung im Sinne des Gemeinwohls angesetzt werden kann.
Im Gegensatz zur klassischen Erfolgsmessung in der Wirtschaft wird bei der GWÖ die Leistung mit der Gemeinwohl-Bilanz herausgestellt. Diese Messung erfolgt anhand Kriterien einer Matrix, oftmals durch externe beratende Unternehmen, beispielsweise die “Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie” oder andere. Hierbei wird konkret abgefragt, wie die Firmen die Gemeinwohl-Werte gegenüber ihren Berührungsgruppen umsetzen. Hierzu zählen etwa Lieferant*innen, Geldgebende, Mitarbeitende, Kund*innen, Mitunternehmen oder das gesellschaftliche Umfeld. Die Betriebe weisen jedem Aspekt eine bestimmte Punktzahl zu. Je besser der Einsatz für das Gemeinwohl, desto mehr Punkte bekommt eine Organisation. Am Ende steht eine Summenpunktzahl: das Ergebnis der Gemeinwohl-Bilanz. [4]
Die Vision: Eine gute GWÖ-Bilanz soll mittelfristig auch steuer- oder vergaberechtliche Vorteile bringen, damit sich das Engagement für ein gutes Leben für alle auch finanziell lohnt, statt wie bisher durch höhere Kosten erschwert zu werden. [5]
Der Gedanke bei diesem Verfahren der Messung ist, dass die GWÖ-Bilanz als eine Art verpflichtender Bericht von Unternehmen als Transparenzmaßnahme funktioniert. Entscheidend ist, dass diese Verpflichtung auf Konsequenzen zur Folge haben muss. Hierbei geht es nicht generell um Bestrafungen und Abmahnungen, sondern um klare Vorteile für das Gemeinwohl: Je mehr Gemeinwohl-Punkte ein Betrieb hat, desto mehr rechtliche Vorteile genießt er. Zum Beispiel in Form von niedrigen Steuern, günstigen Krediten und Förderungen. Unternehmen mit niedriger Punktzahl schließt man von Subventionen aus. Stattdessen belastet man sie mit hohen Steuern und Zinsen. Das führt laut Felber zu einer Umpolung heutiger Verhältnisse: Nicht mehr rücksichtsloses, egoistisches Verhalten führt zu Kosten- und Wettbewerbsvorteilen, sondern ethisches Verhalten. Ethische Unternehmen könnten sich so systematisch an den Märkten durchsetzen.[6]
Als die Reformbewegung soll die Gemeinwohl-Ökonomie wirtschaftliche und gesellschaftliche Missstände aufzeigen und langanhaltend verbessern. Zudem soll der Markt hierbei ethisch reguliert werden. Wer etwas nimmt, gibt zurück und wer etwas braucht, bekommen Hilfestellung. Hierbei soll vor allem auch das Miteinander großer Konzerne gefördert und gefordert werden. Zudem kann ein solches Wirtschaftssystem kleine, regionale Unternehmen stützen und nachhaltig Wirkung erzeugen. [7]
- ↑ https://www.gesetze-im-internet.de/bverfgg/BJNR002430951.html, letzter Zugriff: 12.10.2022
- ↑ https://www.waschbaer.de/magazin/gemeinwohl-oekonomie-infos, letzter Zugriff: 05.10.2022
- ↑ https://www.waschbaer.de/magazin/gemeinwohl-oekonomie-infos, letzter Zugriff: 05.10.2022
- ↑ https://stiftung-gemeinwohloekonomie.nrw/, letzter Zugriff: 08.10.2022
- ↑ https://stiftung-gemeinwohloekonomie.nrw/, letzter Zugriff: 08.10.2022
- ↑ https://christian-felber.at/, letzter Zugriff: 10.10.2022
- ↑ https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/soziale-nachhaltigkeit-53451, letzter Zugriff: 13.09.2021